Lützelbuch – Hönbach 19.08.2020

Schon der 19.08.2020. Die Tage vergehen wie im Flug. Ab jetzt kann ich auch wieder kürzere Strecken am Tag zurücklegen. Die Übernachtungsorte liegen näher beieinander und ermöglichen es mir wieder kleine Abstecher nach links und rechts zu machen.

Brunnen im Ort

Auch Waldsachsen lag wieder auf der Strecke. Nur musste ich diesmal dort leicht bergan fahren.

Wie gestern schon angedeutet, habe ich mir für heute eine komplett andere Strecke ausgesucht. Dafür musste ich einen Großteil der Strecke, die ich schon auf dem Weg nach Oberwohlsbach gefahren bin, nochmals fahren. Aber in Gegenrichtung und durch das schöne Tal wieder bis Fischbach. Fischbach liegt etwa auf einer Höhe von 340m und ab dort ging es dann auf eine Höhe von 500m.

Der erste Teil des Anstiegs ist geschafft.

In Rückerswind machte ich dann eine längere Pause am kleinen Dorfteich. Leider gesellte sich kein Einwohner dazu, sodass man ‚ins Gespräch‘ hätte kommen können.

Gegenüber von Rückerswind /Thüringen, Luftlinie ca. 1000m, liegt auf bayerischer Seite der Ort Brüx. So nah beieinander und doch keine Kontaktmöglichkeit über die ganzen Jahre hinweg… Die Grenze lag unten im Tal am Fischbach.

Gerne hätte ich dazu mehr erfahren, aber leider niemanden getroffen. Durch Zufall habe ich mich während des Fahrens umgeschaut und konnte am Horizont die Veste Coburg erblicken. Nicht ganz klar, aber doch eindeutig zuerkennen.


In einem kleinen Waldstück wieder einmal eine dieser vielen Grenzkompanien gesehen. Die jetzige Nutzung ist mir nicht klar geworden.

Wenig später kann man rechts zum abgerissenen Dorf Korberoth fahren. Der Weg dorthin ist eine kleine Apfelbaumallee und an einigen Stellen kommt auch noch die alte Pflasterung des Weges hervor.

Kurz bevor ich den ehemaligen Ort erreichte, fuhr eine ältere Dame von dort mit ihrem Auto weg. Leider hat sie auch nicht gehalten als wir uns begegneten. Sollte heute wohl nicht sein. Schon immer wieder ein erdrückendes Gefühl, wenn ich zu solchen Orten komme, die nicht mehr da sind.

Auf der linken Seite ist unter den Bäumen noch etwas vom Dorfteich zu erkennen.

Wieder zurück auf der K15, präsentieren sich die Thüringer Berge und der Effelder im Tal. Da ich gerade die 500m erreicht hatte, ging es jetzt 100m bergab nach Effelder. Hier gab es eine ganz kleine Metzgerei. Brötchen hatte ich heute Morgen besorgt – jetzt gab es die Wurst dazu und meine Mittagspause sollte am Froschteich zwischen Meilschnitz und Bettelhecken stattfinden.
Der Baustil verändert sich auch wieder. Ganz viele Häuser haben Schiefereindeckungen oder wie hier auf dem Bild (Effelder) auch an den Hauswänden.


Ich befuhr eine kleine Straße nach Meilschnitz. Sie war aber wegen einer Baustelle auf der B89 in Richtung Sonneberg zur Umleitungsstrecke geworden. Nix ruhig!!!
Nach einem kurzen Anstieg erreichte ich jetzt zum zweiten Mal einen Grenzpunkt. Der erste Grenzpunkt hinter Fischbach lag im Wald und war überhaupt nicht mehr erkennbar. Hier gibt es auch wieder Information.

Auf dem nächsten Foto kann man erkennen, wo früher Zaun, Minenfeld und Kolonnenweg war. Die Bäume sind noch viel kleiner. Ganz rechts bei den hohen Tannen war schon Bayern. Der Kolonnenweg ist hier ganz links, vor den halbhohen Bäumen. Übrigens: für Grenzwanderer auf dem Kolonnenweg geht es an dieser Stelle unsagbar steil bergan. Ließ sich aber nicht im Bild festhalten.

Aufgrund der Baustelle war die ganz kleine Straße von Bettelhecken nach Meilschnitz zur Einbahnstraße erklärt worden. Ich bin also gute 3km als Geisterfahrer unterwegs gewesen. Ich hatte auch keine andere Wahl. Daher war auch mein angedachter schöner Pausenplatz nicht der Ruhigste. Leider fehlte hier eine Bank und so musste ich mich auf den Boden setzen. Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass neben mir ein Ameisenvolk seinen Erdbau hatte. Wenigstens der Blick auf den See war schön und die Wurst mit Brötchen/Gurke und Tomate hat geschmeckt.

Es tummelten sich mehrere Libellen am See. Aber bis auf die Eine blieben sie alle nicht lang genug sitzen.

Kurz vor Höhbach wechselte ich zum fünften Mal das Bundesland.

In der Ortschaft Wildenheit hat der ortsansässige Bäcker seine Backstube nach draußen verlagert. Maske muss trotzdem getragen werden.

Nach kurzem, aber mehr oder weniger schönem Tag bin ich nach 34km in Hönbach angekommen.

Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, bin ich noch zur nahen „Gebrannten Brücke“ gefahren. Es ist die Verbindung von Neustadt bei Coburg nach Sonneberg. Früher Grenzpunkt und für einige auch die Möglichkeit zur Flucht. Ganz in der Nähe fand am 31.07.1949 ein Fußballspiel zwischen den Mannschaften Neustadt und Sonneberg statt. Zahlreiche Zuschauer nutzen die Change und es kam zu einer nicht mehr kontrollierbaren Flucht. Die Grenze war ja – zum Glück – noch nicht so befestigt.

Am 01.09.1990 wurde an dieser Stelle der Staatsvertrag zur Abschaffung der Personenkontrolle zwischen der DDR/BRD, von Wolfgang Schäuble und Peter Michael Diestel unterzeichnet.


Das, womit ich ja überhaupt nicht mehr gerechnet hatte, passierte dann doch. Ich bin den Kolonnenweg ein Stück in die Wildnis gefahren und habe hier, fast an der gleichen Stelle, Leute getroffen, die mit mir gesprochen haben. Zuerst ein Ehepaar, das mir zwei Geschichten erzählte. Der Friedhof des Ortes Hönbach liegt nur etwa 50m von der Grenze entfernt. Die Leute durften nur zu bestimmten Zeiten und für max. eine halbe Stunde dorthin. Bei einem dieser Besuche ist eine Bekannte mit ihrer Tochter, damals knapp 18 Monate alt, bis zur Kontrollstelle mitgegangen. Sie hat sich dann umgedreht und den beiden nochmal zugewunken – was nicht erlaubt war. Die Nacht hat sie nicht zu Hause verbracht…

Links neben dem Wagen war die Grenze.

Oder die Geschichte von der Lieferung von Steinen für einen Anbau. Der LKW mit den Steinen durfte nicht ins Sperrgebiet. Blieb also nur abladen am ersten Grenzzaun, ein Stück weit tragen und auf der anderen Seite wieder aufladen. Das wollten sie aber nicht. Dies erzählte sie ihrer Arbeitskollegin, wohl wissend, dass der Mann Parteisekretär im Ort war. Sie bekamen einen blauen Blanko-Passierschein, wo sie selber das Datum und Uhrzeit der Lieferung eintragen mussten. So bekamen die beiden dann doch noch ihre Steine ans Haus geliefert. Geschimpft haben die beiden auch: Und zwar, wie der Westen, bzw. Firmen aus dem Westen, mit den Betrieben nach der Wende umgegangen sind. Es waren sicherlich nicht alle überlebensfähig – aber es wurden auch die kaputt gemacht, die Arbeit hatten. Da wäre sehr viel Mist und Unfug betrieben worden. Danke für dieses Gespräch.
Mein Weg führte mich dann weiter auf dem Kolonnenweg bis es wirklich nicht mehr ging …

Na, wo ist der Weg. Nur mit langer Hose und Jacke. So kann dass „Grüne Band“ auch aussehen.


… und ich umdrehen musste. Jedenfalls ist mir dann ein Radfahrer entgegengekommen und ich sagte ihm, dass es dort hinten nicht weiter geht. Er wüsste es, da er hier im Ort wohnt und hier regelmäßig fährt, soweit es geht. Früher hätte er hier besser fahren können. Er war 1961 hier Grenzsoldat und ist jetzt 80 Jahre alt. Auf meine Frage, wie es denn so gewesen ist aufzupassen, dass die eigene Bevölkerung nicht abhaut, erhielt ich folgende Antwort: Sie wären in der Ausbildung so gedrillt worden, dass es halt eine Straftat wäre dieses Land zu verlassen. Und genau dazu wären sie da – um dieses zu verhindern. Es gab keine andere Wahl, ansonsten wären sie bestraft worden. Es wäre nicht immer schön gewesen, aber zum Glück musste er nie schießen. Während seiner Zeit ist in seinem Grenzbereich keine Flucht von Zivilleuten passiert. Einmal ist wohl ein Grenzer geflüchtet, so habe man erzählt. Es gab aber nie etwas Offizielles. Heute weiß er es besser und auch die enormen Kosten der Grenzsicherung seien nie Thema bei der Ausbildung und auch später im Beruf gewesen. Auch bestätigte er mir die Aussage, dass die Leute im 500m-Sperrbezirk Lohnzuschläge erhalten haben. Als Entschädigung für Ihre Last, die sie zutragen hatten, da sie gewisse Entbehrungen gegenüber der anderen Bevölkerung in der DDR hatten.
Zum späten Nachmittag dann noch meine persönliche Geschichte erlebt. Wieder so ein Tag, den man nicht planen kann.

Ein Kommentar zu “Lützelbuch – Hönbach 19.08.2020

  1. Die Berichte, nach denen westliche Firmen auch gut existierende Ostfirmen kaputt gemacht haben, sind traurig, aber leider gang und gäbe gewesen im neuen „geeinten“ Deutschland. Ich glaube, es braucht noch einige Zeit, bis auch die guten Entwicklungen in der DDR, wie zum Beispiel die Arbeit der Polikliniken, bei uns in der „BRD“ auf Verständnis stoßen. Mit den „MVZ“, den medizinischen Versorgungszentren sind wir nicht halb so weit, wie es die DDR war.
    Viele Grüße
    Frank

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